Almudena Grandes: Der Feind meines Vaters

Hanser Verlag, 398 Seiten, 19,90 €

⇨  1947 ist der spanische Bürgerkrieg offiziell schon lange beendet. Doch in den andalusischen Bergen kämpft die Guerilla weiter gegen das faschistische Franco-Regime. Hier siedelt Almudena Grandes ihre Menschen an und lässt das kleine Dorf Fuensanta de Martos zur Bühne für die großen Zusammenhänge werden.

Nino ist 1947 gerade mal neun Jahre alt, er ist der Protagonist und Erzähler dieser Geschichte. Er lebt, als Sohn eines Polizisten, mit seiner Familie in der Kaserne der Guardia Civil. Das Grauen der Verhöre auf der anderen Seite seiner Schlafzimmerwand redet er sich und seiner kleinen Schwester zum Trost schön. Versucht an der Fiktion festzuhalten, alles sei nur ein böser Film. Die Macht der Verdrängung hilft auch ihm, mit diesem Grauen zu überleben.

In diesem Sommer siedelt sich Pepe, genannt der Portugiese am Dorfrand in der alten Mühle an. Nach kurzer Zeit entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den Beiden, die schnell zu Ninos Zufluchtsort wird. Pepe, der so ganz anders scheint als die übrigen Dorfbewohner, öffnet dem Jungen ein Fenster in die Welt. Nino beginnt zu lesen, Bücher voller Helden und Abenteuer. Doch seine großen Vorbilder im Leben sind neben Pepe, die in den Bergen kämpfenden Guerillas und besonders ihr Anführer Cencerro. Bald ahnt er, dass Pepe nicht nur der unscheinbare Fremde in der Mühle ist, sondern vielleicht ein Bindeglied zwischen den beiden Welten, dem oben in den Bergen und dem Unten im Dorf.

Grandes erzählt eindringlich von den Widersprüchen, vom Kampf um Loyalität gegenüber seinem Vater und dem Erwachsenwerden, vor allem immer wieder von dem Kampf und dem Schmerz einen eigenen Platz zu finden in dieser Welt voller Angst, Verrat, Denunziation, Hass, Misstrauen, aber auch Vertrauen, Freundschaft und Liebe zu zulassen. Amudena Grandes ist eine wirklich große Erzählerin, wenn auch sie in Spanien ein wenig spöttisch die „militante Muse“ der Linken genannt wird, gelingt es ihr, in ihrem Roman „Der Feind meines Vaters“, den sie selbst im Vorwort einen Abenteuerroman nennt, eindringlich die Atmosphäre eines Dorfes zur Francozeit zu beschreiben. Und diese Beschreibung geht unter die Haut. Sie lässt ein großes nationales Trauma lebendig werden, dass sein Ende noch nicht gefunden hat. So wie Nino irgendwann betont, in seinem Dorf herrscht ein Krieg, ein Krieg der nie enden wird. „Wenn auch die ein oder andere Figur Fiktion und ‚Der Feind meines Vaters‘ ein Abenteuerroman ist, so hat es doch Nino wirklich gegeben. Diese furchtbare Zeit ganz begreifbar zu machen ist nur schwer möglich, Almudena Grandes möchte „dem gegenwärtigen Leser die Empfindungen aus dieser Zeit vermitteln. Mit der feinfühligen Geschichte von dem kleinen Nino ist ihr das in der Tat gelungen“.
taz vom 2./3. Februar 2013